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27. Februar 2024

Schützende Hülle und ästhetische Visitenkarte zugleich: Die neue Schönheit von Fassaden liegt in den kommenden Jahren vor allem in der Nachhaltigkeit, ein wichtiger architektonischer Beitrag für Zukunft klimatischer Entwicklungen. Unsere neue Artikelserie 2024 präsentiert Potenziale von Fassaden mit visionärem Charakter.

 

von Barbara Jahn

 

2023 war das heißteste Jahr, das es je gegeben hat. Zumindest sagen das die über 200-jährigen Aufzeichnungen, in denen nun eine neue statische Amplitude heraussticht. Ein Rekord, der uns nicht nur zu denken geben sollte, sondern uns Ansporn genug sein sollte, die Sache in die Hand zu nehmen. 2024 wollen wir uns in unseren Beiträgen dem Thema „Fassade“ zuwenden, ein im Bauwesen immer wichtigeres, denn mit durchdachten, ja, intelligenten Gebäudehüllen ist es – oft unterschätzt – möglich, einen wertvollen und besonders wichtigen Beitrag in der Klimadebatte zu leisten.

 


Holz und seine außergewöhnlichen Qualitäten stehen ganz im Fokus bei Team 7. Diesen Unternehmenswerten haben Matulik Architekten unter anderem besonders in der Fassade Ausdruck verliehen.
© Kurt Hörbst


Unser erstes Beispiel führt uns nach Oberösterreich, wo der österreichische Biomöbelpionier Team 7 im Herbst 2023 sein neues Headquarter, die 6.100 Quadratmeter große Team 7-Welt eröffnet hat. Da Natürlichkeit und regionale Wertschöpfung mit eigenem Wald zur DNA des Unternehmens gehören, wundert es nicht, dass man zum einen auf das Können des Architekturbüros Matulik Architekten zurückgegriffen hat sowie auf eine Gebäudesprache, die schon nach außen das kommuniziert, was die Werte des Unternehmens widerspiegelt. Der Nachhaltigkeitsgedanke liegt bei diesem Projekt aber nicht nur in der Fassade, sondern in seinen gedanklichen Ursprüngen. Grundgedanke war ein ökologisches Gebäude mit höchsten Designansprüchen zu kreieren, das als Holzbau ausgeführt werden sollte. Statt auf die grüne Wiese umzuziehen, hat sich TEAM 7 ent­schieden, am innerstädtischen Standort zu bleiben und diesen zu verdichten. Neben Kernthemen wie Photovoltaik oder Dachbegrünungen stand eine vierstöckige Holzskelettkonstruktion aus BSH-Stützen, im Fokus, wobei eine aufwändige Pfosten-Riegel-Konstruktion die großzügigen Glasflächen umrahmt.

 


Bei diesem Projekt wurden 5.500 Festmeter Rundholz für Träger, Fachwerk, Decken und Außenwände verbaut, wobei 1.000 Festmeter aus dem eigenen Firmenwald und der Rest aus regionalen Beständen kommen.
© Kurt Hörbst

 

Die konstruktive und ästhetische Betonung des Baustoffes Holz nimmt Bezug auf die hochwertigen Massivholz-Möbelprodukte, für die Team 7 weltweit bekannt ist. Die Holzriegelwände sind im Innenhof mit einer stehenden Eichenschalung verkleidet. Straßenseitig bildet eine Aluminium-Stehfalzfassade den konstruktiven Holzschutz. Die dunkle Metallfassade ist Hintergrund für die Eichenlamellen und bildet einen starken Kontrast zum durch die Verglasungen sichtbaren, hell lasierten Holzbau im Inneren. Das Besondere an diesem Gebäude ist unter anderem, dass es ganz ohne Klimaanlage auskommt. Zum einen übernehmen die Wartungsbalkone und die vorgehängten Eichenlamellen einen wesentlichen Anteil des Sonnenschutzes. Zum anderen gibt es einen ausgeklügelten Mix aus natürlicher Verschattung durch Vordächer, Sonnenschutzscreens und selbstgebauten Sonnenschutzlamellen. Eine intelligente Fensterlüftung in den Bürogeschossen ermöglicht in den war­men Jahreszeiten eine Nachtabkühlung. So kann das ganze Jahr über ein angenehmes Raumklima gewährleistet werden, ohne auf Energiequellen zurückgreifen zu müssen.

 


Die Team 7-Welt kommt ganz ohne Klimaanlage aus. Möglich wird das durch die Möglichkeit der Nachlüftung durch eigene Öffnungen in der Fassade, die die kühle Nachtluft hereinströmen lassen.
© Kurt Hörbst

 

Fassaden haben in Zukunft nicht nur die Aufgabe, den Energiebedarf deutlich zu reduzieren, sondern auch gleichzeitig die Aufenthaltsqualität innerhalb, aber auch außerhalb des Gebäudes zu verbessern. Es ist also einerseits ein Weniger, andererseits ein Mehr. Ein schönes Beispiel, wie das gelingen kann, ist Projekt Nordø von Henning Larsen Architects A/S, das im Zuge der Stadtteilerweiterung im Kopenhagener Viertel Nordhavn entstanden ist. Das vierstöckige Gebäude, in dem es Raum für Wohn- und Gewerbeflächen gibt, ist multifunktional und flexibel geplant und orientiert sich mit seiner rotbraunen Fassade an der industriellen Vergangenheit des Ortes und am klassischen Blockbau in Østerbro. Genau hier treffen Schönheit und Biodiversität aufeinander.

 


Nordø von Henning Larsen Architects A/S ist Teil eines großartigen Stadterweiterungsprojekts in Kopenhagen, das von Stadtarchitektin Camilla van Deurs mitgeplant wurde. Das Ziel ist es, Kopenhagen klimaneutral zu machen – das ist es heute schon zu 86 Prozent.
© R. Hjortshöj

 

Obwohl das Gebäude erst im Jahr 2023 fertiggestellt wird, ist die grüne Fassade bereits installiert. Nordø wird der erste Ort in Dänemark sein, an dem eine völlig neue Fassadenlösung zum Einsatz kommt, die von Henning Larsen entworfen und in Zusammenarbeit mit BG Byggros und Komproment sowie mit Unterstützung des dänischen Umweltministeriums entwickelt wurde. Für dieses Mikroklima mit rauen Winden, kalten Temperaturen und dem Salz des Meeres hat das Team Pflanzen mit zwei sehr unterschiedlichen Eigenschaften ausgewählt. Einige Pflanzen sehen 365 Tage im Jahr schön aus, weisen aber von Natur aus eine geringe Artenvielfalt auf, während andere bis zu 132 verschiedene einheimische Insekten beherbergen. Die Fassade verfügt über eine kontrollierte hydraulische Pufferkapazität, die das Regenwasser vom Dach auffängt. Dadurch wird sichergestellt, dass die Pflanzen ständig mit Wasser versorgt sind.



Das Klima-Geheimnis von Nordø liegt im Einsatz von Pflanzen und Insektenvielfalt, die mit den speziellen Fassadenelementen ermöglicht werden.
© R. Hjortshöj

 

Projektpartner BG Byggros hat Verfahren eingeführt, die eine kontinuierliche CO2-Absorption gewährleisten. Durch die jährliche Ernte von Pflanzenmasse und Biomasse im Rahmen des Betriebs wird das CO2 nicht wie üblich durch die Freisetzung von Pflanzenkompost und CO2 gespeichert, sondern durch die Umwandlung in Biokohle mittels Pyrolyse. Die Biokohle kann dann in Wachstumsmedien als wertvoller Nährstoffpuffer für das Pflanzenwachstum verwendet werden. Außerdem ist die Fassade in Nordø mit Sensoren ausgestattet, die die Auswirkungen der Fassade auf Lärm und Temperaturen auf Straßenniveau messen. Simulationen zeigen, dass mit einer 15-prozentigen Lärmminderung auf Straßenebene gerechnet werden kann. und Aufgrund der verdunstenden und wärmeabsorbierenden Eigenschaften der Pflanzen wird die Fassade im Sommer dazu beitragen, die Temperatur auf der Straße zu senken.

 


Rundes Landmark: Tip of Nordø von Vilhelm Lauritzen Architects spielt mit den Reizen des Sonnenlichts und nützt sie auf perfekte Art und Weise.
© Vilhelm Lauritzen Architects, COBE and Tredje Natur - Photo by Jakob Holmqvist

 

Gleich benachbart dazu steht das neue Landmark Tip of Nordø von Vilhelm Lauritzen Architects, ein zylindrische, 60 Meter hohe Baukörper, der wie ein Landmark hervorsticht. Auch hier, wenn auch ganz anders, ist es die Fassade, die besondere Aufmerksamkeit verdient. Es handelt sich um eine insgesamt 12.000 Quadratmeter große Elementfassade, die durch ihr spezielles Design und ihre Neigung das Tageslicht nach Bedarf filtert und die Sonneneinstrahlung regelt. Mit ihren texturierten Oberflächen und mit Glas verkleidet, variieren die facettierten abgewinkelten Fassadenelemente in Größe und Verglasungsverhältnis auf der Grundlage von stundenweisen Wettersimulationen. Insgesamt gibt es sechs verschiedene Varianten.

 


Nach Süden schmal, nach Norden weit: Die Fassade steuert die optimale Ausnutzung des Tageslichts praktisch ganz alleine.
© Vilhelm Lauritzen Architects, COBE and Tredje Natur - Photo by Jakob Holmqvist


Auf diese Weise wird sommerlicher Überhitzung vorgebeugt, der Energieverbrauch gesenkt und hervorragenden Tageslichtverhältnissen Rechnung getragen, die unter anderem auch durch die Spiegelung des Wassers eine eigene Dynamik entwickeln.  Doch es wurde alles zu Ende gedacht: So sind die Fassadenelemente an der Südseite des Gebäudes, an der die Fassade am stärksten dem Tageslicht ausgesetzt ist, schmäler als jene die nach Westen, Osten und Norden orientiert sind und sich immer mehr weiten, um den Tageslichteinfall zu vergrößern.

 


Die Fassade als faszinierendes Konstrukt im Dienste der Klimaziele.
© Vilhelm Lauritzen Architects, COBE and Tredje Natur - Photo by Jakob Holmqvist

 

Von der Wiege bis zur Wiege – und damit den gesamten Wertstoffkreislauf folgend – wurde im finnischen Lohja planten Timo Ranta und Jukka Turunen gemeinsam mit dem finnischen Stahlbaupionier Aulis Lundell Oy und dem Architekten Matti Kuittinen Haus Pyörre in Stahlrahmenbauweise. Das Besondere daran ist nicht nur der ökologische Fußabdruck, sondern die Planung der Zeit nach dem Lebenszyklus des Gebäudes schon zu Beginn. Dafür wurde eine Materialbilanz für das Haus erstellt, aus der der Anteil an recycelten und nachwachsenden Rohstoffen sowie die Recyclingmöglichkeiten der verschiedenen Materialien am Ende des Lebenszyklus hervorgehen, falls man sich einmal für den Abriss des Hauses entscheidet. Außerdem wurde auch zahlreiche neue Innovationen eingesetzt, die eine kohlenstoffarme Bauweise ermöglichen. Mit Hilfe von Pflanzen, Biokunststoffen und recyceltem Beton wurde der Anteil an Kohlenstoff drastisch reduziert. Die Rechnung ist aufgegangen: 15 Prozent der eingesetzten Ressourcen sind erneuerbar, 22 Prozent werden recycelt und 82 Prozent können als Material oder Energie zurückgewonnen werden.



Zu Unrecht im Visier: Stahl hat auch seine guten Seiten – Haus Pyörre von Matti Kuittinen ist eines der besten Beispiele.
© Nina Kellokoski

 

Für den Rahmen kamen etwa recycelte Autoabfälle und Putzwolle aus recyceltem Glas zu Einsatz, vorrangig jedoch Stahl, der nach Ablauf der Lebenszeit des Hauses wieder verfügbar sein wird. Der Kreislauf des Stahls, ist durch seine Wiederverwertbarkeit praktisch unendlich. Für Architekt Matti Kuittinen liegt es in der Verantwortung des Designers, über die Lebensdauer des Gebäudes hinaus zu denken, bis hin zum Abriss. Ziel muss es sein, den Anteil an recycelten, wiederverwertbaren und erneuerbaren Materialien zu maximieren. Stahl ist nicht nur als biegsames Material für organischen Formen geeignet. Dank seiner Festigkeit ist Stahl leichter als andere Materialien und fast zu 100 Prozent recycelbar. Zudem ist Stahl flexibel bei der Umgestaltung von Gebäuden und Strukturen, einfach zu demontieren, sortenrein zu trennen und deshalb einfach wiederzuverwerten. Zusätzlich wurde durch die Konstruktion auf Stahlbeinen kein Boden verbraucht.

 


Das Gebäude kann nach seinem Lebenszyklis komplett zerlegt und recycelt werden.
© Nina Kellokoski

 

Zum Schluss noch ein Beispiel aus Mexiko, wo Architekt Francisco Pardo bei einem Wochenendhaus zwar keine Fassade im klassischen Sinn erkennen lässt, dem Gebäude aber sozusagen eine „fünfte“ Fassade angedeihen lässt. In der ländlichen Seenlandschaft von Valle del Bravo, etwa zwei Stunden von Mexiko-Stadt entfernt, entstand für ein begeistertes Drachenflieger-Paar die Casa Aguacates, das „Avocado-Haus“, direkt an einem Avocado-Feld, einem dichten Wald und einer nahegelegenen Schlucht. Um dieses Naturidyll nicht zu verletzen oder zu zerstören, wurde entschieden, das Haus buchstäblich zu einzugraben. Als Ergebnis sprießen Avocadobäume über dem verborgenen und unscheinbaren Bauwerk, das direkt in die Baumkronen des Waldes blickt.



Gar keine Fassade: Das Avocado-Haus ist komplett in den Boden eingegraben.
© Sandra Pereznieto


Als „fünfte Fassade“ wird der Blick aus der Vogelperspektive bezeichnet, ebenso sorgfältig gestaltet wie ihre Gegenstücke, damit sich das Haus auf natürliche Weise in die Umgebung einfügt. Diese Lösung bietet dank der Erde über dem Dach, die das Haus auf einer konstant angenehmen Temperatur hält, auch optimale thermische Bedingungen in einem Gebiet, das von starken Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht betroffen ist. Innen wird die nackte Betonstruktur mit Chukum, einem natürlichen Stuck aus der Region aus der Region Yucatan, und Trennwänden aus recyceltem Kiefernholz kombiniert. So ist das Projekt ein subtiler Ausdruck der Fähigkeit der Architektur, sich in ihre natürliche Umgebung einzugliedern und in kreativer Spannung mit ihr zu koexistieren. Die Casa Aguacates von Francisco Pardo passt sich auf natürliche Weise an den Standort an und ist der lebendige Ausdruck der Symbiose zwischen Architektur und Natur, Wildheit und Häuslichkeit.

 


Doppelt top: Das Wohnhaus nutzt nicht nur die Vorteile des umgebenden Erdreichs, sondern fügt sich so auch perfekt in die Umgebung ein.
© Sandra Pereznieto


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