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Das Van Schijndelhaus in Utrecht als experimentelles Haus der Luft und des Lichts

22. Februar 2022

Natascha Drabbe: „Unser Haus ist ausschließlich Interieur, eine Außenseite gibt es nicht.“


Wenn es Häuser gibt, die die Auffassungen des Designers in vollendeter Weise demonstriert, dann ist das Van Schijndelhaus in Utrecht ganz sicher eines davon. Wir laden Sie zum einem Besuch dieses Haus am Pieterskerkhof ein, das der Architekt und Produktdesigner nach der Fertigstellung 1992 selbst zusammen mit seiner Ehefrau Natascha Drabbe bezogen hat. Die Architekturhistorikerin bewohnt nach dem frühen Tod ihres Mannes 1999 im Haus auch heute noch und nimmt uns mit auf eine Erkundungstour durch das inzwischen zum Kult geworden Haus.

 

Man merkt recht schnell, weshalb Van Schijndel 1995 für dieses Haus den Rietveld-Preis verliehen bekommen hat, und warum die Stadt Utrecht das Objekt 1999 als jüngstes Bauwerk in die Liste der städtischen Baudenkmäler aufgenommen hat. Wie wir schon gehört haben, bezeichnete der Architekt, der selbst an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam studierte und über viele Jahre die Leitung seines eigenen Architekturbüros mit seiner Professur an der Fachhochschule Düsseldorf kombinierte, das Gebäude als „Haus der Luft und des Lichts“. Damit hat er ganz offensichtlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Lichtverhältnisse können sich tatsächlich von einem Moment auf den anderen komplett verändern.

 

„Mit den Besuchern des Hauses teile ich am liebsten den Augenblick, wenn das gesamte Licht im zentralen Raum durch den matten Teil des Glases hineingezogen wird. Wenn der Himmel dann auf einmal aufreißt und das Sonnenlicht einfällt, entstehen die schönsten Momente, die man mit anderen erleben kann. Man kann richtig sehen, wie die Sonnenstrahlen hereinkommen“, erzählt Natascha Drabbe, die nicht nur regelmäßig Besichtigungen in ihrem Haus organisiert, sondern auch das Iconic Houses Netwerk betreibt.

 

 

 

Experimentell bis ins Detail


Das Haus galt seinerzeit als äußerst experimentell. Und daran hat sich überhaupt nichts geändert. Bei diesem in einem Innenhof eingeschlossenen Wohnhaus spielt sich praktisch das komplette Leben im Inneren ab. Es besticht durch seine Vielzahl an Details, die es einzigartig machen. Am auffälligsten in diesem Zusammenhang sind die Glastüren in der Küche und den Badezimmern, die sich auf einer Silikonnaht drehen. Darüber hinaus fällt auf, dass man hier ausschließlich Möbel und sonstige Einrichtung aus eigenem Design findet, bis hin zur Delta-Vase von Mart van Schijndel.

 

 

„Außer dem Haus hat Mart auch die Terrassen, die Inneneinrichtung und die Möbel fast alle selbst entworfen. Sehr vieles davon stellte er sogar großteils eigenhändig her. Er hatte eine eigene kleine Werkstatt, in der er sich mit seinen Maschinen an die Arbeit machte und Prototypen anfertigte. Dadurch erkennt man an dem Gebäude sehr deutlich die Handschrift des Designers. Aus diesem Grund kann man mit Recht von einem „Gesamtkunstwerk" sprechen, schwärmt Frau Drabbe.

 

„Da das Haus in einem Innenhof errichtet worden ist, hat es keine wirklich deutlich erkennbare Außenseite. Und, weil man vom Haus aus keine Aussicht hat, ist es sehr introvertiert und ganz auf sich selbst gerichtet. Auf diese Weise jedoch löst man sich von der Umgebung und vergisst ganz oft, dass man eigentlich mitten in der Stadt wohnt. Erst, wenn man das Glockenspiel vom Dom hört, wird man sich wieder bewusst, dass man mitten in Utrecht ist.“

 

Fenster drehen sich auf Silikon


Die Glastüren drehen sich auch nach 28 Jahren ganz offensichtlich noch immer auf ihrer Silikonnaht. Seit dem Bau hat sich im Inneren nicht das Geringste geändert, jedoch bekommt man es hie und da inzwischen mit ein paar Launen des Hauses zu tun.

 

„Drehen ohne Scharniere wurde vorher noch nie realisiert“, lacht Frau Drabbe. „Silikon wurde und wird generell immer als Mittel zum Kleben gesehen, wie etwa für Autoscheiben oder strukturierte Glasfassaden, aber nicht als ein Material, das Drehbewegungen ermöglichen kann. Mit Spannung hat Mart damals mit dieser Technik gearbeitet, ebenso wie er auch zahlreiche andere Experimente durchgeführt hat. Dies ist ein Manifest für seine Ansichten, wobei es treffend ist, dass er im Zusammenhang mit diesem Objekt die niederländische Bezeichnung „ruimte“ (Raum) als zu einengend befand und daher lieber auf englische Begriffe zurückgriff. Für ihn ging es sowohl um „room“ als auch um „space“, womit einerseits einen geschlossenen Raum gemeint ist, andererseits wird auf einen flexiblen Raum anspielt", erzählt Frau Drabbe.

 

„Die Vollendung der Inneneinrichtung hat viele Jahre in Anspruch genommen. Mart hat die komplette Inneneinrichtung erst nach unserem Umzug Ende 1992 entworfen, anschließend wurden Schritt für Schritt weitere Einbaumöbel hinzugefügt, eine Küche, das Badezimmer wurde vollendet etc. Meist hat Mart die Arbeit selbst erledigt. Im Jahr 1995 baute er darüber hinaus noch das angrenzende Torgebäude zu vier Appartements um.“

 

 

 

„Das Haus hat einen Teil seiner Sorglosigkeit verloren.“


„Jetzt, anno 2022, merke ich jedoch, dass das Haus einen Teil seiner Sorglosigkeit verloren hat. Früher war das Haus für mich da, in jüngster Zeit stelle ich jedoch fest, dass ich immer häufiger für das Haus da sein muss. Es ist der natürliche Lauf der Dinge: Die vielen Jahre erhöhen auch den Instandhaltungsbedarf. Letzten Sommer etwa mussten sämtliche Silikonfugen ersetzt werden, es war Zeit für ein neues Dach, neue Gründungspfähle wurden notwendig. Außerdem vermuten wir, dass es Probleme mit der Bodenverdichtung gibt, und so weiter und so fort. Hinzu kommt, dass jedes noch so kleine Problem gleich ein untypisches Phänomen zu sein scheint. Wenn der Fachmann dann vor Ort ist, kann ich seine erste Reaktion sofort vorhersehen: „Sowas habe ich noch nie gesehen.“ Und damit ist bereits klar, dass alles nach Maß abgearbeitet werden muss, eine Stange Geld kosten wird und mit Fördermitteln nicht zu rechnen sein wird. Ach ja, eigentlich ist das ganz normal, wenn man in einem experimentellen Haus lebt.“

 

 

 

Dies bringt uns direkt zu einer interessanten Initiative, die bereits viele Jahre lang läuft. Das Van Schijndelhaus ist nachdrücklich kein Museum, sondern ein Ort, an dem gelebt wird. Was jedoch nicht heißt, dass man es nicht besuchen kann. Und nicht nur das: Das Haus steht sogar für die Organisation verschiedener Initiativen zur Verfügung.

 

„Das Haus eignet sich beispielsweise perfekt für eine Produktvorstellung“, erläutert unsere Gesprächspartnerin. „Architekten und Innenarchitekten besuchen Veranstaltungen gerne an solch einem Ort. Wie oft ist es nicht bereits schon vorgekommen, dass Menschen, die sich hier treffen und vorher nicht gekannt haben, anschließend ihre Begeisterung teilen und schließlich miteinander ins Gespräch kommen … Es ist ganz außergewöhnlich, wie dieses Haus die Menschen zusammenbringt und zur Kommunikation anregt. Übrigens können Sie uns jeden ersten Sonntag im Monat besuchen, zu abweichenden Zeiten nach vorheriger Vereinbarung.“

 

 

 

Iconic Houses Netwerk


Natascha Drabbe weist außerdem noch darauf hin, dass es nicht nur ihr Haus gibt. Bereits im Jahr 2008 hat sie ein Netzwerk mit dem Namen Stiftung Mart Van Schijndel gegründet, wobei sie die Verwalter ähnlich moderner und als Museum zu besuchender Architektenhäuser weltweit zusammengeschlossen hat. Im Jahr 2012 wurde diese Initiative durch das Iconic Houses Netwerk fortgesetzt.

 

„Das Iconic Houses Netwerk möchte eine Quelle für Reisende und Liebhaber von Gebäuden des 20. Jahrhunderts sein. Kürzlich wurde dessen Zielsetzung übrigens noch erweitert, die den Menschen die Wichtigkeit der Bewahrung des jungen Kulturerbes mit mehr Nachdruck vermitteln solle. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Werkzeuge mit allerlei Online-Verbindungen zu konsultierenden Quellen erarbeitet, wo die Menschen Informationen dazu finden können, wie man solche Umgebungen restaurieren kann. Damit überzeugen wir Privateigentümer davon, dass es entscheidend ist, wie sie mit diesem jungen Kulturerbe umgehen.“

 

 

 

„Während der Pandemie haben wir angefangen, virtuelle, monatliche Besichtigungen von Wohnungen mit Kultstatus auf der ganzen Welt zu organisieren, wobei die Teilnehmer im Anschluss ihre Fragen stellen können. Am 21. Oktober besuchten wir das Farnsworth House, ein von Ludwig Mies van der Rohe für die amerikanische Ärztin Edith Farnsworth zwischen 1946 und 1951 entworfenes und errichtetes Wohnhaus. Dieses Haus wurde als Wochenend- und Ferienhaus in Plano im US-Bundesstaat Illinois konzipiert. Im November folgte ein virtueller Besuch in den Isokon Flats an der Lawn Road im Londoner Stadtviertel Belsize Park des Bezirks Camden“, resümiert Drabbe.

 

„Das Besondere dabei ist, dass Corona dafür gesorgt hat, dass wir uns wieder auf diese Besuche besonnen haben. Jetzt können Sie sich also erst online ansehen, ob es Ihnen so gefällt, und anschließend entscheiden, ob Sie einmal dorthin reisen möchten, um sich alles etwas detaillierter ansehen zu können. Sie reduzieren buchstäblich Ihren ökologischen Fußabdruck durch eine eingehendere Prüfung. Ist das nicht wunderbar in Zeiten, in denen ein nachhaltigeres Reiseverhalten eine der Hauptprioritäten ist?“

 

© Alle Bilder: Imre Csany, DAPh

www.iconichouses.org


Ursprünglich geschrieben von Jan Hoffman

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